Wettertechnisch ein durchwachsener Tag, doch war das kein Grund, den Geburtstag vom Haldern und den eigenen ausgiebig zu genießen. Er fing natürlich im Spiegelzelt an, doch am frühen Nachmittag mit einem Highlight: Bernd Begemann. Als Entertainer kam er gut an beim Publikum, doch mit der Musik selbst können die wenigsten etwas anfangen. Doch hört man genau hin, dann entdeckt man zwischen den witzigen Schwesterfernsehensongs und Ikea-Falle-Stücken auch eine ernste Seite. Die wird jedoch meist übersehen und unterschätzt. Und so wollten wir uns ein wenig mit dem Menschen Bernd Begemann unterhalten, merkten doch schnell, dass Entertainer und Mensch nah miteinander verbunden sind. Nachdem er ein paar Bissen Essen zu sich genommen hatte, setzten wir uns in den Biergarten des Pressezeltes, der glücklicherweise zu dem Augenblick mal nicht mit Regentropfen bedeckt wurde, und versuchten unser Glück:
Den Anfang machte eine kleine Diskussion, ob die neue Oasis gut sei. Wir, nicht wirkliche Oasis-Fans, hatten im Urlaub einen ihrer neuen Songs im Radio gehört und waren erst begeistert und dann überrascht, dass dies die Gallagher-Band gewesen sein sollte. Doch schnell kamen wir zum eigentlichen Thema.
Bernd Begemann. Ist das mehr Entertainer oder mehr Musiker?
Bernd: Das hängt mit deinen Fähigkeiten zusammen. Ich bin ein guter Performer, die Leute hören nicht oft die Lieder, was vielleicht das Problem ist. Die Leute sind es gewohnt, rumzustehen, ne Band zu hören, die dann einfach so rumstehen und nix tun. Ich bin nicht so. Ich fühle die Songs eben und dann bewege ich mich. Ich mag das, dass ich das so weitergeben kann. Ich geh oft auf Konzerte und die Leute auf der Bühne leisten meist keine gute Gesellschaft. Die sind in ihrem Coucon, haben stundenlang Drogen genommen und I-Pod gehört und sind völlig abwesend. Das ist doch furchtbar! Wieso soll ich rausgehen, eine Stunde lang durch die Nacht fahren und mich von so jemandem ignorieren lassen? Das hab ich im Hinterkopf, wenn ich auf der Bühne bin. Wenn man sich meine Lieder dagegen mal anhört, sind das die einzigen weit und breit, die Hand und Fuß haben.
(Lachen von der anderen Seite, ein verschmitztes Grinsen vom Gefragten. Der Blick in meine Richtung, in die Richtung des Bernd-Lieder-Kenners)
Ich kann nur sagen, dass es viele Songs gibt, die scheinbar witzig sind, wo aber ne Menge Wahrheit drinsteckt. Man schmunzelt zwar, merkt dann aber „Hm, scheiße, eigentlich hat er Recht.“
Einige Lieder sind heiter, volkstümlich. Andere Lieder sind so ernst, da bin ich auf einem Territorium, wo niemand anderes ist. Zum Beispiel das Lied „Die Nacht vor der Abtreibung“: „Warum soll dieses Kind auch leben, leben wir etwa?“ Das fragt sonst niemand, das ist beschissen unangenehm. Oder ein Lied wie „Der Junge der nie mein Onkel wurde“. Ich habe jetzt knapp 300 Lieder veröffentlicht und das sind immer noch viel zu wenig, wo ich dieses Gefühl hab. Den Leuten wird das auch zu viel, die wollen einen Künstler, der drei Alben hat, denn das kann man überblicken. Ich möchte das aber lieber wie Balzac, ein komplettes Bild also. Ein Leben wie es sich wirklich anfühlt. Das seh ich in niemands Liedern reflektiert. Ich möchte die Welt wie ich sie kenne in den Liedern haben. Und wenn sich jemand die Mühe macht, all meine CDs besitzt, dann wird er ein komplettes Bild bekommen. Er wird sehen, dass das zusammenpasst und dass einige Lieder eine Antwort auf andere Lieder sind. In einigen Liedern tauchen Personen auf, denen wir ein paar CDs vorher begegnet sind. Es ist zwar nicht so komplex wie die Balzac-Romane, der ja achtzig Bücher oder so geschrieben hat, wo die Hauptfiguren des einen Romans die Nebenfiguren des anderen Romans sind. Er schreibt über das mystische Paris, über das mystische Frankreich, was es so nicht gab aber es uns so sehen lassen wollte. So extrem komplex ist das mit Liedern nicht, aber er ist mein Vorbild.
Du versuchst das was Balzac ausmacht für dich umzusetzen.
Ja, weil das schön ist, weil das ein Ort ist, wo man sich aufhalten kann. Deshalb spiele ich auch so lange Konzerte. Ich kann leben in meinen Liedern. Ich hab das Gefühl, wenn ich auf der Bühne stehe, dass das echtes Leben und echte Zeit ist. Der Tag hat 24 Stunden. Ich weiß nicht, wie euch das geht, aber ich hab oft Mühe anwesend zu sein, ich hab Mühe mich zu interessieren für den Mist der an mich herangetragen wird. Ich bin jetzt Mitte vierzig, habe so lang gebraucht, bis ich Konzerte geben konnte, habe es also lange versucht. Der furchtbarste Moment, über den du als Musiker hinwegkommen musst, ist der Moment, den die meisten Künstler nicht überwinden, vor allem die deutschen Künstler nicht. Jemand stellt sich vor dich hin und singt dich an. Das ist unangenehm. Da möchte man doch eigentlich woanders sein. Da steht plötzlich jemand vor dir, singt dir sein antifaschistisches Lied mitten ins Gesicht und du denkst: Aber ich bin doch kein Nazi, was soll das?
Deine Ansagen auf den Bühnen sind ja auch nicht immer die nettesten. Du ziehst ja auch mal gern über andere Bands, NME-Bands, Kate Nash oder was auch immer, her.
Oje, was solls. Die Engländer habens da irgendwie leichter. In Deutschland ist es irgendwie so autistisch, deutsche Musik zu machen. Die Musik verlässt Mitteleuropa nicht wirklich, niemand spricht gern Deutsch. Deutsch ist ein Klang, der nicht gern gehört wird auf der Welt außer im Sinne von zahlenden Touristen. Klar hat seit den Nazis die Sprache einen unangenehmen Beiklang, aber wir dürfen nicht vergessen, dass jahrhundertelang Deutsch die Sprache des Liedes war. Und plötzlich wollte uns die ganze Welt erzählen, dass man auf Deutsch nicht singen kann. Als ich in den Achtzigern angefangen hab Deutsch zu singen, sagte man ich wär ein Nazi, man müsste auf Englisch singen. Ich fand es irgendwie faschistisch, jemandem was in einer anderen Sprache vorzusingen. Und nun gibt es so viele Bands da draußen, die Deutsch singen und meinen, sie wären hip. Aber ich find, dass die gegenwärtigen deutschen Musiker es nicht so mit Worten haben. Sie drücken sich alle so ungelenk aus.
Fällt dir da gar keine Band ein, die das deiner Meinung nach kann, mit Worten umgehen?
Ich respektiere alle und alle haben ein Recht darauf, zu existieren. So vieles ist aber so düster und nicht wirklich ökonomisch und poetisch geschrieben. Was sicherlich auch eine Besonderheit unseres Sprach- und Kulturraums ist. In keinem anderen Land der Welt werden Dinge die keinen Sinn ergeben so respektiert. Xavier Naidoo – das ist wirklich sinnlos. Aber Leute hören das und denken: Oh, das ist bedeutungsvoll. Ich hab die französischen Philosophen gelesen und wenn ich die verstehe, aber Xavier Naidoo nicht, dann doch wohl deshalb, weil der Typ sich schlecht ausdrückt. Es ist absichtlich unklar. Bands wie Tomte und Kettcar verfolgen eher das assoziative Schreiben wie bei R.E.M., was ich respektiere. Aber das ist nicht mein Weg. Für mich sind die größten Lieder, die völlig klar und verständlich sind und trotzdem ein Geheimnis bergen. Aber ein Geheimnis was wirklich da ist. Dieses Andeuten ist völliger Mist, zum Beispiel Silbermond „Symphonie“. Meine Faustregel ist. Lieder in denen Zeit, Ewigkeit, der Mensch, die Welt vorkommt, das ist immer Müll und der diese Worte benutzt hat nicht die Autorität, diese Worte zu benutzen. Tokio Hotel können mir nichts erzählen vom Ende der Zeit. Was wissen die schon?!
Schreibst du deshalb Lieder für Die Prinzen, Echt und Jasmin Wagner?
Für Jasmin Wagner hab ich einen Song geschrieben, Die Prinzen haben einen Song von mir gecovert und Echt haben einen Song von mir gecovert. Es kann gar nicht genug Coverversionen von meinen Songs geben.
Die Lieder hast du aber nicht extra für sie geschrieben?
Die Lieder gab es schon, ich habe sie teilweise für andere geschrieben, die sie aber dann nicht gesungen haben.
Das bestätigt dann ja deine Arbeit, wenn die Leute deine Songs covern.
Von mir aus können die Leute viel mehr Lieder von mir covern. Meine Lieder sind so geschrieben, dass sie singbar sind. Nen Tomte-Song kannst du nicht wirklich gut nachsingen, aller Respekt für sie, aber es ist schwer nachzusingen. Ein paar von meinen Liedern kannst du auch schwer covern, aber der Großteil ist sehr sing- und spielbar. Eigentlich könnte jeder Idiot sie singen. Wenn die Leute Auto fahren, ihre CDs und DVDs alle sind, sollten sie meine Songs singen. Vielleicht passiert das eines Tages, mal schaun.
Um noch mal zurückzukommen, ist es nicht deprimierend zu sehen, dass Künstler wie Xavier Naidoo oder Silbermond so riesen Erfolg haben?
Es ist völlig O.K. mit Scheiße Erfolg zu haben. Dieses „Du bist das Beste was mir je passiert ist“ von Silbermond ist eine gesungene Diddlmausgrußkarte. Wenn es den Leuten ein gutes Gefühl gibt, dann soll es existieren, warum nicht. Wenn ich Innenminister wär, würd ich die verknacken.
(berndtypisches hämisches Grinsen)
Ein Glück bin ich keiner. Ich bin nicht traurig, wenn irgendwer Erfolg hat mit irgendwas. Ich fühl mich manchmal entfremdet von meinem Kulturraum. In jedem anderen Land, wenn ein Sänger mit irgendso komischen Liedern käme, mit so einer düsteren Stimmung und einer tieferen Andeutung, würden die Leute sagen: Am besten du kommst zurück, wenn du das für dich geklärt hast. Vielleicht ist auch Adorno Schuld dran, Adornos Zaubersprache: Andeutung, Andeutung, ohhh da ist vielleicht irgendwas. Das ist vielleicht die Schuld der Nazis, die uns die klaren Worte und das Lied verleidet haben. Das Lied hat einen schlechten Ruf in Deutschland seit den Nazis, weil die so viel gesungen haben. Ich denk mir das nicht aus, das sind wirklich kulturelle Zusammenhänge. Seit den Nazis ist das doch so, wenn irgendjemand ein einfaches volkstümliches Lied singt, ist das immer so als faschistisch verschrien. Aber das ist es nicht. Wir assoziieren es damit, weil sie es missbraucht haben.
Das ist ja ein Problem, was von unserem Handeln ausgeht.
Das ist eine Besonderheit unseres Kulturkreises, wertfrei gesagt. Das ist ne Sache, mit der wir noch jahrzehntelang zu tun haben werden. Die Nazis haben so viel schlimmes gemacht, dass einem da der Überblick verloren geht. Zum Beispiel ist die anmutige Kunst in Deutschland verloren gegangen durch die Vertreibung der Schwulen und Juden. Dieses feine, leichte und heitere ist nicht mehr wirklich da. Nur so stumpfsinnige Unter-dem-Dirndl-wird-gejodelt-Kunst, der Bergdoktor- Scheiß auf der einen Seite – kalkuliertes Massenprodukt, welches auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zielt. Oder du hast das ZDF-Fernsehspiel, wo irgendwelche komplizierten Bühnenstücke gezeigt werden, die ganz andeutungsreich sind. Das was wir Hochkultur nennen, ist meistens Mist. Ich hab das Gefühl, dass da das gesunde Maß und der gesunde Menschenverstand fehlt, da hadere ich mit meinem Kulturkreis. Die Bedeutungsvollen Sachen machen keinen Spaß und die Sachen, die mobilisieren sollen, sind hohl.
Meinst du, dass sich dieses Verhalten in der Zukunft ändert? Glaubst du, dass du da was ändern kannst und einen Stein ins Rollen bringst? Vorhin war das Zelt bei deinem Auftritt überfüllt, viele haben mitgemacht und du durftest sogar eine Zugabe spielen (was wegen dem engen Zeit- und Zeltplan eher selten ist).
Ich hab viele Bekannte und Freunde, die Musik machen aber ich fühl mich alleine. Die Leute wissen auch häufig nicht, wovon ich spreche und manchmal denke ich, ich sollte die Schnauze halten, sonst komm ich mir vor wie ein sabbernder Idiot auf der Straße der vor sich hinschimpft. Ich kann ja leben und ich bin glücklich.
Du kommst ja auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Du nimmst dich ja auch selbst aufs Korn.
Ich imitiere im Grunde meinen Vater. Wenn mein Vater in den Siebzigern und Achtzigern eine Party gegeben hat, hat ne James Last-LP aufgelegt, hat ein bisschen was verteilt und lustige Geschichten erzählt, hat auch ernste Geschichten erzählt, hat aber alles das Gefühl gegeben, dass sie ein Recht darauf haben, dort zu sein und dass er glücklich ist, dass sie da sind. Und das ist das mindeste, was auch ich will. Ich will Wärme ausstrahlen.
Und, dass dir alle Leute aus der Hand fressen.
Ich missbrauch das ja nicht. Ich steh auf der Bühne, das ist für mich eine leicht erhöhte Existenz, nicht im Sinne von höher als die Anwesenden, sondern höher als die Alltagsexistenz. Es ist besser als auf den Bus warten, es ist aber auch anstrengender, du bist wirklich geschlaucht. Ich hab kein Programm, keine Setlist, nur nen riesen Spickzettel, wo Songs draufstehen, wo ich aber heute nicht hingeschaut hab. Ich horche in mich rein und ich horch in den Raum rein. Wenn ich es gut mache, ein guter Abend ist, wenn alle Anwesenden eine Person sind und ich diese Person kenne am Ende des Abends. Da komm ich nicht immer hin, das ist aber der Zustand, an den ich möchte.
Das ist nicht einfach. Vor allem nicht bei einem Publikum das dich nicht kennt. Da kann man es dann keinem Recht machen, oder?
Ja, da muss man dann eine Balance finden. Du willst die Leute die dich kennen nicht langweilen, du willst nicht zu speziell sein für die, die dich noch nicht kennen. Lieder sind anders. Goethe hat einmal gesagt: In allen Künsten wollen die Menschen das Neueste, außer in der Musik. Bei der Musik will man das Vertraute. Das stimmt wohl zur Hälfte. Das Gute an Liedern ist, dass sie sich nicht abnützen. Dein Lieblingslied hast du tausendmal gehört und du magst es jetzt noch mehr als beim ersten Mal. Das ist was Musik von allen anderen Künsten unterscheidet, dieses tantrische, die Wiederholung. Das macht es so abnutzresistent. Deinen Lieblingsfilm schaust du vielleicht dreimal. Die Filme, die meine Lieblingsfilme sind möchte ich gar nicht unbedingt noch mal sehen, dann steigt man vielleicht doch dahinter. Ein Song bleibt immer bei dir. Auch wenn sich manche Lieder abnutzen, deine Lieblingslieder bleiben immer bei dir. Und sie werden bedeutungsvoller, weil du so viel Zeit mit ihnen verbracht hast, weil du so viele Augenblicke, die wichtig für dich sind mit ihnen assoziierst. Wenn du deine Lieder behältst, behältst du die wichtigen Augenblicke deines Lebens. Du würdest das wichtige an deinem Leben verlieren, wenn du deine Lieder verlieren würdest. Deshalb überträgst du deine Vinyl-LPs auf MP3s, weil du es nicht ertragen kannst, sie nicht mehr hören zu können.
Du verkörperst ja auf der Bühne eher den Entertainer, wofür dich das Publikum ja auch liebt. Fühlst du dich ernstgenommen bzw. möchtest du denn mit deinen Liedern ernster genommen werden?
Offensichtlich werde ich ja nicht ernstgenommen, sonst würde ich es mal drauf ankommen lassen. Ich weiß, was man tun muss, um ernstgenommen zu werden. Du darfst nicht so viel rumspringen, nicht so viele lustige Sachen sagen, du musst die Leute langweilen, dann nehmen sie dich ernst. Aber das Leben ist zu kurz dafür. Wenn die Leute zu doof sind, wenn die Leute kein perfektes Lied erkennen ist das nicht mein Problem. Es ist so furchtbar, ich find meine Lieder so toll. Ich kenne niemanden, der besseres geschrieben hat. Vielleicht ist das ein bisschen subjektiv gefärbt.
(Grinsen in der ganzen Runde)
Wenn die Leute das nicht so sehen wollen sondern einfach nur meine Späßchen hören wollen, bitteschön. Jeder Mensch, ihr auch, wir wollen alle mehr Anerkennung. Ich glaub 98% der Menschen haben das Gefühl, zu kurz zu kommen, für 0,0% ist alles genau richtig und knapp 2% können nicht glauben, womit sie da durchgekommen sind. Die würden sich dann dafür schämen, dass sie soviel Respekt bekommen. Wir sind keine Teenager, wir wissen, dass man nicht belohnt wird für gute Taten. Wir wissen, dass es im Erwachsenenleben nicht um Gerechtigkeit geht., also sollten wir das nicht weinerlich einfordern. Ich tus aber trotzdem: Warum seid ihr alle so gemein zu mir?
(spaßig verzweifeltes Kopf-an-den-Schirmständer-hauen).
Was halten denn deine Tochter und deine Frau von deinen Entertainerqualitäten?
Oh, das steht auf meiner Homepage aber ich bin nicht verheiratet. Kein güldener Reif an meinem Finger. Ich teile ne Wohnung mit der Mutter meiner Tochter. Meine Tochter war auf ein paar Konzerten und fand das super.
Wie alt ist die denn?
drei
Da ist wahrscheinlich noch alles super, was der Papa macht.
Das wird wohl auch gefälligst so bleiben.
Bist du ein guter Vater?
Bestimmt nicht. Aber immer noch besser als die anderen Väter, die ich so sehe.
Du bist ja nur selten da, oder?
Nee, das stimmt nicht. Ich hab das sehr eingeschränkt. Ich bin zwar viel auf Konzerten, das ist aber eher meistens im Block. Und wenn ich in der Nähe spiele oder eben in Hamburg selbst, dann bin ich auch wirklich da. Vielleicht sogar öfter als Väter, die normal arbeiten gehen und ihr Kind nur eine halbe Stunde am Tag sehen.
Reicht die Musik eigentlich zum Leben?
Wenn ich eine Fernsehshow hätte oder eine Chartplatte könnte ich mehr Geld machen. Schade. Ich komm aber klar. Ich kenn viele Leute, die in den Charts waren und nicht klar kommen.
Wie schauts mit neuen Songs. Wieder allein wie bei „Ich werde sie finden“ oder wieder mit der Befreiung?
Die nächste soll wieder ein Bandplatte werden. Die letzte reguläre war ja ne Soloplatte. Bei „Ich werde sie finden“ geht’s übrigens ums sexuelle Vagabundieren. Die Platte „Glanz“ mit der Befreiung war ja eine Retrospektive. Die war sehr schwer zu machen, weil wir neue Ansätze brauchten. Wir konnten die Lieder hervorragend live spielen aber um sie aufzunehmen, mussten wir ganz neu denken. Ich dachte das würde die leichteste CD werden, wir können die Lieder ja, aber es war die allerschwerste.
Es sollte auch nicht so klingen, wie die Originale?
Die Originale sind eher abgespeckte bzw. folkigere Versionen. Glanz sollte eher eine Party-Platte werden, eine Platte die man hört, bevor man ausgeht samstags.
Macht es für dich einen großen Unterschied, ob du mit oder ohne Band spielst?
Ja, extrem. Wenn du mit einer Band auftrittst, ist es für die Leute leichter zu tanzen. Wenn ich solo spiele bin ich flexibler, obwohl ich die Band auch dran gewöhnt habe, dass wir keine Setlisten haben. Und alle können mir während wir spielen Lieder vorschlagen. Find ich meistens Scheiße, aber das ist Banddemokratie und das muss dann eben gemacht werden. Jetzt hab ich zehn Lieder bestimmt, jetzt darfst du auch eins bestimmen.
Ist das auch beim Liederschreiben so? Oder schreibst du die alleine?
Wir haben versucht zusammen geschrieben aber wir haben noch keine richtige Methode gefunden. Mein Hauptmethode, ein Lied zu schreiben: einen emotionalen Kern finden. Viele Leute fangen mit irgendwelchen Zeilen oder Riffs an. Für mich ist der emotionale Kern das erste. Es ist kein Gefühl, um das es sich dreht, aber jedes gute Lied ist ein Augenblick der Erkenntnis…
(die gute Yvonne, die nicht die Managerin, sondern einfach die Handtuchgeberin an jenem Tag war, fragt, wer was trinken möchte)
Der emotionale Kern ist so Songwriter-Mystik. Ein gutes Lied besteht aus einem emotionalen Kern, ein schlechtes kann aus ganz vielen Zeilen bestehen, die sich aber zu nichts zusammenführen, in denen es um nichts geht, wenn da kein Appell ist, der von Herzen kommt. Wenn nichts auf dem Spiel steht, dann ist es ein mieses Lied. Ich bin ein großer Elvis Costello-Fan und viele seiner Lieder sind überclever und haben keinen emotionalen Kern. Seine besten Lieder sind seine einfachen Lieder, wie „Ship“ oder „I want you“. Da geht es wirklich um etwas. Bei „Ship“ geht um Angst, Familien, Todesahnung, um das Gefühl der Politik ausgeliefert zu sein. Bei „I want you“ geht es um Verlangen, das zu viel ist für den jenigen, der das singt. Er wird aufgefressen von seinem eigenen Verlangen. Es ist zu viel für ihn. Er hat viele clevere Lieder. Andere wiederum fügen sich zu nichts zusammen.
Nimmst du dir sehr viel Zeit für andere Musik?
Ein bisschen. Ich würde gern mehr neues kennen. Ich kenne zum Beispiel nur die Hälfte der Bands die hier spielen, ein Grund mehr hier rumzulaufen. Ich wär gern Journalist und würd die ganzen neuen CDs gern immer bekommen.
Da ist auch manchmal nicht so dolles dabei.
Das würd ich sofort raushören. Ich hätte gestern gern Fleet Foxes hier gesehen. Wir hören das gern im Auto, wenn wir mit der Band unterwegs sind. Die haben in Hamburg im „Logo“ gespielt. Ich konnte leider nicht da sein, aber Ben, mein Bassist hat mich angerufen und gesagt: „Bernd, ich wär gern in ner anderen Band, in Fleet Foxes”. Im Augenblick gibt es sonst keine Band, die fünfstimmig singt. Wir schaffen noch nicht mal vierstimmigen Gesang.
Mit Ben machst du ja den Ohrensessel. Ist das ein gewisser Ausgleich für dich, ein Hobby?
Über Musik lässt sich immer schwerer reden, als über Filme. Über Filme reden ist auch leichter als über Fußball reden. Ich komme aus Bad Salzufflen, geboren als Arminia-Fan. Ich bin aufgewachsen, als Gladbach diese tolle Mannschaft hatte, mit Netzer in den Siebzigern. Im Grunde bin ich wie ein billiges Mädchen das mit dem Stärksten nach Hause geht.
Dann müsstest du Bayern-Fan sein
Bin ich auch manchmal. Ohne Bayern hätten wir so oft keinen europäischen Fußball sehen können. Aber es ist schon langweilig, wenn die wiedermal Meister werden. Die feiern so lustlos.
(Und mal wieder geht’s um Fußball, das neue klinische Stadion in München, um Fans als Jubelinventar, darum dass Bernd sich nie an einen Verein fest binden wollte, weils zu viel Schmerzen verursachen kann usw.)
Wenn ich das mit einem deiner Konzerte vergleiche, dann seh ich bei dir mehr Authentizität als bei einem Bayern-Spiel.
Ich bin besser als Bayern, vielen Dank! Und das aus dem Mund eines Fans!
Der Entertainer Bernd Begemann ist leicht auszumachen gewesen, der Mensch dagegen versteckte sich hier und da. Doch man könnte dahinter steigen, wenn man sich durch seine Songs hört, sie sich vorspricht, ohne ihre Melodie zu kennen. Dann steckt einem doch schnell ein Kloß im Hals, der so gar nicht zu dem springenden Singclown passen will. Doch das ist das Geheimnis, das Bernd umgibt. Das ist die Musik, die man für sich allein im stillen Kämmerlein hören möchte, doch für die Bühne soll es der Entertainer Bernd richten. Schwierig war die Unterscheidung zwischen wahrem und Entertainer-Bernd, als er freudestrahlend das Freundin-selbstgemachte Bernd-Shirt an der einen Interviewerin erblickte, diese großgestig in den Arm nahm….und ich fühlte mich so….brüderlich. Auch bei der anschließenden Fotosession ließ er ganz den Charmeur raus, herzte und drückte und es fühlte sich … nicht eklig an (ob des extatischen Auftritts wenige Stunden zuvor), eher…brüderlich. Vielen Dank für diese schöne Geburtstagsgeste und natürlich fürs Interview!
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