Interview: Gisbert zu Knyphausen

Es ist Samstag, es ist ein Jubiläum, zum 25. Mal feiern viele Fans und Dorfbewohner ihr Festival, das Haldern Pop Festival. Auch er, Gisbert zu Knyphausen war bereits ein paar Mal hier, aber als Besucher, Festival-Liebhaber. Und nun sitzt er da, hinter dem Pressezelt hat er es sich auf dem Holzbalken bequem gemacht, blinzelt in die Sonne und wirkt eher wie einer, der sich hierher verlaufen hat. Alles neu für ihn, dessen Debüt-Album in den höchsten Tönen gelobt wird. Und sicher komisch, dass es plötzlich Leute gibt, die ihn über seine Musik und seine „Karriere“ ausfragen. Gewöhn dich schonmal dran, wir fangen an:

Na, wie siehts aus, löst du dich jetzt auf? Oder ist jetzt die Hauptbühne angedacht?
(bei seinem zu der Zeit schon zurückliegenden Konzert hatte er gesagt, dass mit diesem Auftritt beim Haldern im Spiegelzelt ein großer Traum in Erfüllung geht, nach dem für ihn kaum noch was besseres kommen kann)
Gisbert zu Knyphausen: Das geht leider nicht, weil ich jetzt schon so viele Konzerte geplant hab. Und ein neues Ziel hab ich mir jetzt noch nicht gesucht.
Rock am Ring Hauptbühne (mit einem zwinkernden Auge, versteht sich.)
Ich weiß nicht, ob das wirklich ein gutes Ziel ist. Ich war zwar noch nie da, hab aber keinen Bock auf so Riesen-Festivals. Da zu spielen ist vielleicht was anderes.
Wie war das denn, als der Stefan Reichmann dich angerufen hat? Hast du damit gerechnet?

So richtig gerechnet hab ich nicht damit, aber eine Freundin die hier mitarbeitet hatte wohl versucht, meinen Namen fallen zu lassen und das hat sie gemacht und ihn ein bisschen genervt. Irgendwann hat er angerufen und meinte, dass ich für die Zelttour im Mai geplant wäre. Das ging dann aber doch nicht und dann hab ich auch nicht mehr damit gerechnet, aber er rief dann noch mal an und meinte: Kannst vorbei kommen.
Im Haldern-Forum haben die Leute auch immer für dich gestimmt und waren ganz begeistert. Die wollten sogar, dass du auf der Hauptbühne spielst.
Ja, der Reichmann hat auch gesagt, dass sich da ne Menge Leute auch aus dem Forum und auch seine Frau sich freuen würden.
Der Norbert ausm Knust meinte vor deinem Auftritt beim Knust-Geburtstag, du seist eine Hoffnung, nein eine Erfüllung.
Ehrlich? Oh, das find ich ein wenig zu hoch gestochen. Obwohl, der Norbert darf so was sagen.

Macht es für dich einen Unterschied, jetzt hier zu spielen?
Wie ich gestern schon auf der Bühne gesagt habe, ist hier zu spielen ein Traum. Es ist der Hammer. Ich kann das noch nicht ganz blicken, dass das jetzt passiert ist. Im ganzen vergangenen Jahr ist so verdammt viel passiert. Ich mach das ja noch nicht so lang. Mein erster Auftritt, den man Auftritt nennen kann, also mit meinen Liedern, war vor drei Jahren, glaub ich. Seitdem ich nach Hamburg gezogen bin ist das immer schneller gegangen. Man lernt Leute kennen, dann kam das Label an, jetzt spiel ich auf dem Haldern. Dieses Jahr vor allem geht’s rund. Das ist gerade noch so in meinem Tempo.
Zu viel und zu schnell sollte es nicht werden?
Ich war eine zeitlang skeptisch, was das ganze angeht. Ob ich da wirklich Bock drauf hab auf dieses ganze Musikbusiness und den ganzen Rummel drumherum sowieso nicht so gerne mag. Aber das Musik machen liegt mir halt am Herzen und möchte das gerne noch lange machen.
Kann man sich das so vorstellen, dass du schon ewig Musik machst? Vorher halt nur für dich oder andere in kleiner Runde?
Ich hab schon immer Musik gemacht, aber versucht Songs zu schreiben, das geht noch nicht so lange. In den letzten fünf Jahren hat sich das so rauskristallisiert. Ich hab bis dahin immer nur Gitarre gespielt und wollte dann aber auch mal selbst singen. Bei den ersten Versuchen, Songs zu schreiben, ist nichts bei rumgekommen, ich habs dann auf englisch versucht und das klang aber immer irgendwie dämlich. Keine Ahnung, was der Auslöser für den ersten deutschen Text war, jedenfalls hab ich den jemanden vorgespielt, der fand das toll und so lief das dann weiter.
Also doch eher unvorhergesehen und spontan?
Ja, dass die Lieder so gut ankommen bei diversen Leuten, hätte ich überhaupt nicht erwartet.

Ich kann dir sagen warum: Weils eine ehrliche Sprache ist.
Ja, es ist eher eine direkte Sprache, nicht sehr poetisch, oder so. Zum Teil schon, aber man kann schnell hören, worum es geht in den Liedern. Es ist also nicht so viel verschlüsselt.
(Weitere Interviewer stehen Schlange, klopfen quasi an und Gisbert meint, sein Label wär schon weg und nun müsste er sich um alles allein kümmern)
Ist die Entscheidung für die Musik gleichlaufend mit diesem Label Omaha-Records gewesen?
Das ist ja kein richtiges Label, eher so eine Internetseite und wir bringen in dem Sinn keine Platten raus. Das haben wir angefangen als kleines Netzwerk, zum Konzerte organisieren, dass man über die Seite als Sammelbecken verschiedene Leute kennenlernen kann. Ich hatte kurzzeitig überlegt, ein richtiges Label draus zu machen, aber ich hab gemerkt, dass ich nicht der Typ dafür bin, Labelchef zu sein. Das steht zwar noch auf der Platte drauf, das war aber eher eine Nettigkeit von PIAS. Meine ersten zwei Lieder hab ich über Omaha-Records verbreitet und deshalb war mir das wichtig, dass das bei der Platte dabei steht.
(Thomas erzählt, dass er seine Platte direkt bei ihm bestellt hat und dann festgestellt hat, dass die Bankverbindung aus der Nähe seiner Heimat kommt. Gisbert erwähnt, dass sein Vater in Rheingau immer noch ein Weingut besitzt, also ganz in der Nähe von Mainz)
Ich komme aus dem Rheingau ursprünglich.

Du bist also über den Umweg über Holland nach Hamburg gekommen?
In Berlin war ich auch noch und immer hab ich mich mit Musik beschäftigt, seit meine Mutter mich in der Grundschule zum Klavierunterricht gezwungen hat. Früher habe ichs gehasst, ist ja klar, aber es ist dann im Gegensatz zu meinen Brüdern hängen geblieben.
Handeln deine Texte von deinem Leben?
Ja schon. Ich bastel natürlich auch dran rum, viele Zeilen haben dann nicht 1:1 mit meinem Leben zu tun, sind eher fiktional aber ihren Ursprung haben sie immer in einer realen Situation. Da steckt schon ganz ganz viel von mir selbst drin.
Du gibst dann auch viel von dir preis. Ist das schwer?
Nicht mehr. Am Anfang ist mir das schwer gefallen, weil ich nicht so genau wusste, wie viel gut ist und inwiefern man sich so offen legen sollte. Aber es ist im Grunde ja eine Art Befreiung. Zu den Songs auf dem Album habe ich sowieso genug Abstand, dass ich sie singen kann. Bei neueren Liedern ist das immer wieder ne kleine Überwindung. „Fick dich ins Knie, Melancholie“ ist jetzt keine Überwindung, weils ein lustiges Lied ist, aber bei persönlichen Sachen.
Wann können wir endlich mit einem neuen Album rechnen?
(Lautes Lachen, breites Grinsen und Schmunzeln)
Mein Plan ist nächstes Jahr im Herbst. Mal sehen, wie das wird, ich muss noch ein wenig sammeln. Vielleicht bring ich anfang des nächsten Jahres eine kleine EP raus. Ich würd gern das „Wer du bist“ noch mal in der Band-Version aufnehmen, was ich übrigens von einem von Omaha-Records gecovert hab. Vielleicht wird das eine kleine Cover-EP mit dem Melancholie-Lied drauf, oder so.
(einer der Interviewer macht sich wegen einer dringenden Sache aus dem Staub)

Ich bin ein recht langsamer Liederschreiber, weil sie eben auch aus einem bestimmten Gefühl heraus entstehen. Liederideen sind nicht massig vorhanden, aber wenn sie vorhanden sind, dann setz ich mich auch hin. Es gibt ja Leute, die das quasi hauptberuflich machen. Zum Beispiel Nick Cave, der geht morgens in sein Büro, schreibt und kehrt dann abends zu seiner Frau zurück.
Hat das noch viel mit Musik zu tun?
Er hat ja für sich eine Kunstfigur geschaffen und legt da auch viel von sich rein. Wenn man wie er, mit Bildern und Pathos spielt, dann kann man sich das vielleicht einfacher aus dem Ärmel schütteln. Ich bin Fan von Nick Cave. Bei mir gibt’s da Liedanfänge, die ich schon mal ein halbes Jahr mit mir herumtrage bis ich es vollständig habe. „Gute Nachrichten“ von der Platte ist das einzige, was an einem einzigen Abend entstanden ist.
Machst du denn noch was anderes außer Musik momentan?
Nee, im Moment nicht. Ich hab das Glück, dass ich im Moment ganz gut Geld hab, um über die Runden zu kommen. Ich arbeite schon noch ab und zu in einer Kneipe in Hamburg aber im Moment mach ich eigentlich nur das Musikding. Das würde ja auch gar nicht funktionieren, weil ich ja momentan viel auf Tour bin.
Weißt du, wie viele Platten du schon verkauft hast?
Die aktuellen Zahlen hab ich nicht, aber ich weiß nach zwei Monaten waren 2000 verkauft. Wie das jetzt ist weiß ich nicht.
Überraschung?
Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wieviel viel und wie viel wenig ist. Das Label ist selbst überrascht, der Stefan der mit gesignt hat sagte : Kein Wunder.
(Zweiter Interviewer ist wieder da)

Und jetzt Urlaub auf dem Haldern
Ja, Kurzurlaub. Aber heut abend fahren wir wieder zurück, ist ja dann auch vorbei.
Was schaust du dir noch an bzw. was hast du dir schon angeschaut?
Heute noch gar nichts. Gestern habe ich mir noch „Bohren und der Club of Gore“ angeschaut, fand ich fantastisch. Es ist der Hammer, so langsam und dunkel und schwer. Heute will ich mir auf jeden Fall noch „The Heavy“, „Fink“ und „The National“ anschauen.
Du warst schon öfter hier als Besucher, oder?
Ich war das erste Mal 2002 hier, wegen „Bright Eyes“. Außerdem haben noch die „Cardigans“ und „Patti Smith“ gespielt. Seitdem bin ich, bis auf ein Jahr, jedes Jahr hier gewesen.
(und wir reden über die Vorzüge des Haldern Festivals, über den Auftritt David Bowies 1987 beim Rock am Ring)
Eine Frage noch zum gestrigen Auftritt. Warum hast du nicht „Cowboy“ gespielt?
Ich hätte es gespielt, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Ich wollte viel mit Band machen, deshalb hab ich mich gegen „Cowboy“ entschieden.
Hast du ein paar Musiktipps aus Hamburg für uns?
Karamel halt, und ein Freund von mir aber nicht nur deswegen, Wolfgang Müller. Der ist auf dem kleinen Hamburger Label Rimtimtim, wo auch „Der Fall Böse“ drauf ist. Moritz Krämer ist auch noch so einer, der mir gefällt, aber der kommt aus Berlin.
(Die schon angesprochenen Interviewer stehen Schlange und warten. Wir bedanken uns artig für ein lässiges Interview)

Bescheiden und schüchtern, zurückhaltend und ein wenig wortkarg gibt sich Gisbert zu Knyphausen auf der Bühne wie auch beim Interview. Sympathisch durchweg, unverbraucht, so als hätte er die Fäden noch selbst in der Hand. Bleib so und beehr uns mal wieder mit tollen Textzeilen, die näher am Leben sind, als man es manchmal wahrhaben will.

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