Interview: Sportfreunde Stiller

Mit zu den letzten Festivals des Sommers, besser des Spätsommers gehört wohl das Folklore im Garten in Wiesbaden. Früher siedelten sich für das letzte Wochenende im August Stände und Bühnen im Schlosspark von Schloss Freudenberg an. Doch in diesem Jahr wurde dieses Spektakel erstmalig in und um den Schlachthof Wiesbaden verlegt. Und so fanden sich am Wochenende vom 29.08. – 31.08.2008 viele Menschen zwischen Veganfood-Ständen, Honigmet-Tischen und den kleinen und großen Bühnen auf den Wiesen am Kulturzentrum in der Nähe des Bahnhofs ein. Musikmäßig hatte dieses Festival schließlich auch einiges zu bieten: The Kilians, Mediengruppe Telekommander, Get Well Soon, Blackmail und die Sportfreunde Stiller gehörten zu den Großen des Wochenendes. Mit letzteren, vielmehr mit einem drittel von ihnen, nämlich mit Peter Brugger der Sportfreunde machten wir es uns, ein paar Stunden vor ihrem drittletzten Deutschlandkonzert vor der großen Pause, im VIP-Bereich gemütlich und fragten ihn Löcher in den Bauch:

Peter: Ihr habt ne Radiosendung und sendet übers Internet?
Wir: Ja und ne Homepage. Wir senden alle zwei Wochen auf Radio Rüsselsheim, das ist eher so Bürgerfunk. Da spielen wir das, was uns gefällt. Das hört man ja leider im kommerziellen Radio nicht so oft.
Euch hat man ja vor zwei Jahren häufig im normalen Radio gehört mit eurem Fußballsong?! Bei einem alten Interview hast du mal gesagt, dass der Mehmet Scholl mitsingen würde, wenn ihr mal nen Fußballsong macht. Warum hat er das denn nicht getan?
Das hat nicht so in seine Karriereplanung hineingepasst, glaub ich. Ja keine Ahnung, aber wenn ich was behaupten kann, dann ist es, dass er noch schlechter singen kann als ich.
Wenn man damit Geld verdient ist doch toll, oder? Ihr seid ja jetzt auch Multimillionäre (Augenzwinkern)?!
Total, alles was du hier siehst, gehört uns.
Hättet ihr gedacht, dass der Fußballsong so durch die Decke geht?
Wenn man das so planen könnte, dann hätt ich das schon zehn Jahre früher gemacht. Das kann wohl niemand vorhersehen, ausser vielleicht Dieter Bohlen. Während wir den Song gespielt und geschrieben haben, dachte ich schon, dass es ein Mitgröllied werden könnte. Aber was für einen Weg so ein Song dann nimmt, das kann man nicht vorhersehen. Wenn wir sagen „Wir schreiben jetzt einen Hit“, dann geht’s hundertprozentig in die Hose.
Ihr seid aber schon froh, dass es so gekommen ist? Also ihr ward schon kurzzeitig Superstars.
Die Zeit war toll, es hat riesen Spaß gemacht. Schon allein, weil wir WM-mäßig ja dabei waren, aber durch den Song waren wir auch richtig involviert. Das war ne tolle Zeit für uns. Aber es hatte natürlich auch negative Aspekte. Die Leute glauben, dass wir jetzt reich und Superstars sind. Aber so ists nicht. Uns geht’s zwar gut, aber uns geht’s gut, weil wir die Jahre zuvor konstant einen musikalischen Aufstieg hatten. Es gab auch Leute, die sich deshalb abgewendet haben.
Mir gings da ähnlich. Es war für mich zwar kein Ausverkauf, aber ich konnte mit der WM nichts anfangen und mich hat euer Song dann auch wirklich genervt. „Wie einst Real Madrid“ war für mich DIE Platte von euch. Durch den Song veränderte sich das Publikum ziemlich
Ich kann das total nachvollziehen. Mir geht es da ähnlich mit bestimmten Bands. Unabhängig von Erfolg der Bands hatte ich auch bestimmte Phasen mit Bands, die dann irgendwann vorbei war und dann vielleicht auch wiederkam. Was ich nicht mag ist, wenn man sich abwendet aus Gründen, wie dass man die Band für sich haben will. Klar will man die Sachen für sich entdecken und nicht das hören, was jeder Honk hört.
Ich hab gelesen, dass ihr kein Bock habt, euch zu verändern durch das ganze Brumborium um euch. Habt ihr euch verändert?
Man verändert sich doch permanent, durch das was man erlebt. Jeder einzelne von uns verändert sich in eine bestimmte Richtung und das verändert auch die Band. Mit „La Bumm“ haben wir versucht, dagegen zu steuern. Im Nachhinein find ichs nicht gut, weil es in dem Moment vielleicht verkrampft wirkte. Wir haben viel nach dem Fußballsong drüber nachgedacht, wo wir hinwollen. Natürlich sehne ich mich nach der Zeit zurück, wo wir einfach drauf los geholzt haben, aber das geht nicht mehr so einfach. Wenn man ein bestimmtes Level erreicht hat, dann steht man auch unter einem gewissen Druck. Man muss sich weiterentwickeln. Deshalb zieh ich meinen Hut vor den Ärzten und Fanta Vier, die all die Jahre mit ihrer Haltung das geblieben sind, was sie eben ausmacht. Das versuchen wir natürlich auch.

Wärs dir lieber gewesen, wenn ihr mit so einem Song wie „Antinazibund“ Erfolg gehabt hättet?
Ich hätts natürlich auch genial gefunden. Aber ich mach da keinen Unterschied. Freude, Spaß und Ernsthaftigkeit haben ihre gleichberechtigte Daseinsberechtigung. Die Leute sollen abgehen und eine gute Zeit haben, wenns passt dann natürlich mit einem spaßigen Song mit ernstem Inhalt. Die Leute haben aber scheinbar keine Lust auf große politische Aussagen. Unser Plan war, wir gehen zum Raab und spielen vor Millionenpublikum „Antinazibund“. Somit war der Auftrag schon erfüllt. Ob es ein Erfolg wird, steht ja meist in den Sternen.

Hat der Druck, den du eben schon angesprochen hast, dazu geführt, dass ihr euch jetzt als Band eine Auszeit nehmt?
Eigentlich nicht. Wenn man die Entstehung von „La Bumm“ dazuzählt sind wir seit Sommer 2006 am machen. Dann ist auch mal gut nach zwei Jahren. Wir wollen aber zum ersten mal uns eine Auszeit nehmen, ohne uns einen Termin zu setzen. Nach „La Bumm“ stand die Tour dazu als Termin fest. Das gibt’s jetzt nicht.
Was erwartet ihr von dieser Auszeit?
Ich möchte schauen, wann ich wieder Bock hab Musik zu machen, ohne dass ich es muss. Ich möchte reisen, ein paar Freunde wiedersehen, die man lange nicht gesehen hat. Ich möchte mich einfach mal mit anderen Sachen beschäftigen. Um Inspiration zu erhalten, muss man auch mal andere Sachen erleben. Abstand bekommen, um wieder an die Musik ranzukommen.
Was wirst du vermissen?
Ich weiß jetzt schon, dass ichs live spielen vermissen werde. Es ist auf jeden Fall spannend. Ein Projekt kommt noch im Winter, darüber dürfen wir noch nicht sprechen. Aber wenn ich dann einfach daheim bin, dann wird das sicher komisch. Sonst fährt man alle paar Wochen los und geht auf Tour. Ich mag einfach mal wieder meinen Grips anstrengen. Kann natürlich sein, dass ich nach drei Wochen den Mark anrufe und ihm sage, dass er mir ne verdammte Tour buchen soll. Ich könnt dann ja mit Akustikgitarre mein eigenes Ding machen.
Das passiert ja jetzt im Hardcorebereich häufig, dass sie plötzlich eine Singer/Songwriter-Platte rausbringen und auf Tour gehen.
Dann wissen wir ja jetzt auch warum, die wollten alle ne Pause machen und haben es nicht ausgehalten.
Ein Freund von mir, einer vom Fanclub, meinte, dass ihr auf großen Bühnen nicht so gut rüberkommt. Wie siehst du das?
Rock am Ring zum Beispiel hat mir keinen Spaß gemacht. Weiß nicht, obs daran lag, dass die Stimmung nicht so toll war in dem Moment. Es muss alles so klar stimmen zeitlich. Ich habs lieber, wenns intimer und entspannter ist. Das ist aber echt nen geiles Gefühl, wenn man da oben steht vor 60 000 Menschen. Wenn die alle springen ist das genial.
Da hat man ja auch ne gewisse Macht. Hmm, Macht würd ich das nicht nennen, das ist so negativ besetzt. Klar die machen fast alles, was man von ihnen verlangt, aber Macht…hmmm.
Ist dieses geniale Gefühl vor so vielen Menschen immer noch gleich geblieben oder wird das zur Gewohnheit?
Immer mal wieder ist das der Fall, natürlich nicht immer gleich. Es gibt immer wieder diese Momente, die einen umblasen. Ist schon toll, dass die Lieder an denen man hart gearbeitet hat, von allen dann mitgesungen werden. Da merkt man dann, wofür man das macht. Das ist schon toll.
Du hast es ja schwer in der Band, bzw. leicht, weil du ja nur mit so Loosern in der Band bist, die auf 1860 stehen (Peter ist Bayern München Fan, wers nicht weiß).
Was hältst du von Otto?
Ich finds beschissen, dass sie den Janssen verkauft und dafür den Italiener geholt haben. Irgendwas mussten sie ja machen. Die Abwehr ist ja grottenschlecht.
Ja, das war ja nichts bisher. Ich bau da auf den Mikeles.
(wir bzw. die Jungs driften ab, wer wo spielen soll, damit wer auch immer nicht spielt und so weiter)
Wie ists denn so mit Stinkern in der Band zu spielen?
Der Rüde zählt ja nicht so richtig. Und mitm Flo ists lustig. Ich hab da keinen Hass. Ich möchte lieber, dass die Löwen in der ersten Liga spielen, weil ich auf Derbys Bock hab, in denen es um etwas geht.
So unter Freunden wärs ja auch doof, wenn man sich deshalb angiftet
Schon, aber der Flo hat da megagejubelt, als Bayern 1999 die Championsleague verloren hat. Das hat echt wehgetan, weil der sich sooooooo gefreut hat. Da hab ich die Freundschaft auch in Frage gestellt (Augenzwinkern).
Um wieder zur Musik zurückzukommen: Man muss eben immer gewisse Erfahrungen machen, um irgendwohin zu gelangen. Wir haben nicht gewusst, was das Fußballlied für uns bedeutet. Es gehört aber zu uns dazu, wir wollen es nicht verleumden und auch mit den negativen Seiten müssen wir leben. Und weil wir diese Erfahrungen gemacht haben, machen wir vielleicht später wieder supergeile Platten, die dir als alten Fan wieder taugen. Du musst das machen, woran du glaubst, trittst in die Scheiße, aber es geht weiter.

Es ist ja auch nicht so, dass das eure einzige Band wäre. Flo hat ja auch noch die Bolzplatz Heroes, die ja ganz andere Musik machen
Ich mag das total, wenns einen musikmäßig so richtig wegbläst.
Du hast doch auch so ein Nebenprojekt?
(Felse nannte es HipHop-Schiss *g*)
Naja, HipHop würde ich das nicht nennen. Das ist so Spaßpop, ElektroTrashSchlagerMix. Das war halt so nen Schrott. Das ist in erster Linie die Musik von meinem Bruder und da hab ich dann mit gemacht. Mit der Zeit frag ich mich, wie wir drauf waren.
Dieses „TipTop“ ging definitiv ins Ohr, ich fands witzig. Gibt’s Lieder, die ihr nicht mehr hören oder spielen könnt und wollt?
Da hat jeder so seine Kandidaten. Wir führen da richtige Diskussionen bis fast kurz vor der Bandauflösung. Ich finds toll, dass wir so viele Songs haben, die wir noch total gerne spielen. „Wunderbaren Jahren“ mag ich heute noch genauso gern, wenns losgeht. Wir haben auch ne Menge Scheißlieder gemacht, wenn alle geil wären, wüsstest du ja nicht mehr, was man spielen soll.
Wir haben jetzt noch eine Fanclubfrage: Werdet ihr mitm Nightliner abgeholt?
Nein, wir treffen uns immer an einem geheimen Treffpunkt. Den weiß keiner vorher, der wird dann erst per SMS durchgegeben. Wär ne geile Idee, daheim abgeholt zu werden. (grinsen).
Eine letzte Frage: Wie seht ihr das denn mitm Fanclub?
Toll ist das, dass es Leute gibt, denen das sooooooooo wichtig ist.
(Die Band im Hintergrund fängt an zu spielen, es wird laut auf dem Band, das Interview neigt sich dem Ende zu.)
Vielen Dank und viel Spaß heut abend! Ja, vielen Dank euch auch und bis später vielleicht.

Der nette Peter in abgeschnittenen Jeans, Badelatschen und Hut verabschiedet sich, schießt das übliche Langarmfoto und verdrückt sich dann zum Essen, während wir erfahren, dass sie eigentlich keine Interviews mehr geben. Somit konnten wir uns wohl besonders glücklich schätzen, dass wir eine der wenigen sein durften, die vor der großen Sporties-Pause noch einmal mit ihnen sprechen konnten.

Wie immer an dieser Stelle, vielen Dank!

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