Interview: William Fitzsimmons

Wir befinden uns immer noch auf dem Haldern-Festival. Strahlender Sonnensschein umgibt uns. William Fitzsimmons steht zum Interview bereit. Ein junger Mann, Kind zweier blinder Eltern, der sehr traurige Musik macht. Live dagegen vor Witzigkeit ist er kaum zu halten. Sein Markenzeichen: ein riesiger Bart.

Na, wie geht’s?
Also mir geht’s richtig gut. Es ist nur etwas warm hier. Aber das ist okay.

Sonst hat es auch öfters hier geregnet.
Ja, das hat mir auch schon jemand gesagt. Ach ich liebe es hier. Es ist das beste Festival auf dem ich bisher war. Es ist wunderschön hier. Es ist nicht zu groß und jede Band ist wunderbar. Hier ist echt keine schlechte Band ausser mir. Und es rockt hier. Auch die Organisation ist echt gut.

Du bist hier seit gestern!
Ja, wir sind gestern angekommen. Eine Band wurde gecancelt. Und dann hab ich gestern Mitternacht zusammen mit Denison Witmer gespielt. (Jonathan Jeremiah war ausgefallen. Dafür sprangen die Beiden spontan ein. Wenn man bedenkt, dass Denison Witmer sich auf dem Rückweg von seiner Hochzeitsreise befand und als Gast auf dem Festival weilte…) Der Auftritt war sehr schön und… Ja, wir hatten viel Spass.
Von dem Auftritt haben wir nur gehört.
Wißt ihr, ich hatte nur eine Gitarre. Und das langt ja schon zum spielen. Und ein Bier natürlich.

Auf der Bühne bist du ein sehr witziger Mensch, machst Witze und so. Aber deine Musik selbst ist eigentlich sehr traurig.
Ich denke, die Musik ist es, die die Dunkelheit herausläßt. All die „Scheiße“ ist in der Musik. Und dann kann ich ein normaler Mensch sein. Aber ich will nicht, dass die Leute, die auf ein Konzert kommen, sich traurig oder gar depressiv fühlen. Das ist nicht der Grund warum ich Musik mache. Den Leuten soll es nicht schlecht gehen. Okay, Menschen weinen bei meiner Show. Andere lachen. Beides ist okay. So ist auch das Leben. Manchmal weinen wir und manchmal lachen wir. Und das spiegelt sich bei meinen Shows wider.

Ist es möglich, dass du auch einmal fröhliche Songs schreiben wirst?
Nein. Niemals.

Du bist stets traurig?
Nein. Ich habe versucht, fröhliche Songs zu schreiben. Aber ich hatte niemals das Gefühl, das wäre das richtige was ich grade schreibe. Es war nicht ehrlich und wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht. Ich bewege mich zwar grade fort von dem Punkt… Wißt ihr, raus aus der Dunkelheit. Raus aus dem Schmerz. Die Lieder die ich jetzt schreibe, da ist doch schon mehr Freude drin. Ähnlich dem Sonnenschein. Schon etwas aufgehellter, nicht mehr so „dunkel“.

Dein neues Album wird im Oktober veröffentlicht?
Ja, „The Sparrow And The Crow“ erscheint am 23.Oktober.

Wie sind die Songs darauf? Wie gehabt?
Nein, es ist ein Unterschied da zu den anderen Veröffentlichungen. In wenigen Worten: …es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Es war auch sehr hart an dem Album zu arbeiten. Ich wollte eigentlich keine Lieder schreiben.  Aber es ist auch ein sehr hoffnungsvolles Album. Ich habe gelernt, zwei Dinge zusammenzufügen. Du kannst nie das Schöne erreichen wenn du in der Traurigkeit festhängst. Du wirst niemals da raus kommen. Also habe ich begonnen mich mehr zu öffnen. Das war sehr hart für mich. Aber als ich das Album beendet hatte, war ich in viel besserer Verfassung, an einem viel besseren Platz. Und das fühlte sich richtig gut an.

Ist es allgemein schwierig für dich einen Song zu schreiben? Deine Songs kommen ja stets aus deinem Innern.
Ja, das ist es. Weil es für gewöhnlich schmerzt einen Song zu schreiben. Ich will aber diesen Schmerz auch beim Schreiben fühlen. Ich will mich schlecht fühlen. Gegenüber einer Person die ich liebe habe ich schreckliche Dinge getan. Ich will mich nicht fröhlich, nicht gut fühlen. Ich fühlte mich auch nicht fröhlich als das passierte. Es ist wichtig für mich, dass ich da durch komme. Dass ich den Schmerz aushalte. Es ist wie eine Heilung für mich. Dadurch fühle ich mich dann besser.
Lieder zu schreiben ist einfach für mich. Damit bin ich aufgewachsen. Was schwierig und auch hart ist sind natürlich die Texte und Lyrics; das, über was ich schreibe.

(Und hier wurde es dann doch recht still. Keine sagte ein Wort für mehrere Sekunden.)

Bei den Shows kommt das aber nicht so rüber. Da hört sich das nicht immer nach traurigen Songs an. Dementsprechend auch oft die Reaktion des Publikums. Du machst die Leute fröhlich.
Ja, das stimmt. Das ist echt ein großer Teil von mir. Wenn ich die Songs spiele… Es ist eine lange Zeit zwischen dem Schreiben und dem Jetzt vorüber. Bei den Konzerten fühlt es sich dann an als ob eine Familie zusammenkommt und man miteinander redet. Die Leute wollen dann doch nicht dieses traurige “asshole” sehen.
Viele bedanken sich nach Konzerten und sagen, dass es ihnen nun besser geht. Und das hört sich gut an. Das fühlt sich auch gut an. Es ist auch so, dass mir die Shows immer mehr Spass machen.

Man merkt das. Vorallem wenn du die Leute auffordert mit dem Singalong.  Man fühlt es und man sieht es an den Gesichtern.
Ich fühle das auch. Jedesmal wenn das Publikum mit dem singen anfängt muss ich grinsen. Ihr könnt das dann nicht sehen aber es ist so.Es ist mit das beste Gefühl wenn das Publikum singt. Dann hat man sich gefunden, ist zusammen. Wißt ihr, Musik ist ein teilbares Gut. Jeder gute Musiker wird euch das sagen. Es geht nicht um die Person auf der Bühne. Es geht um jeden. Um uns alle gemeinsam.
Ich liebe dieses Singalong.

Es müßte nur länger sein.
Wirklich? Ich kann es ja mal ausprobieren.

Wir werden dich daran erinnern.
Okay, vielleicht 20 Minuten. Nein, noch besser: 30 Minuten.

Themenwechsel: Wirst du dir irgendwann den Bart schneiden oder ganz abrasieren?
Oh, ich darf das nicht zu laut sagen. Ich wollte das. Aber mein Management sagte:“Hey, trag den ruhig noch eine Weile. Der ist auf der Platte. Der ist auf den T-Shirts. Das ist dein Markenzeichen.“  Ach, ich bin der mit dem Bart. That’s me and that’s cool.
Eigentlich würde ich ihn gerne kürzen. So einen Drei-Tagebart. (Zeigt dabei auf Felse.) Das sieht gut aus. Das ist mehr Rock’n’Roll. Aber das hier ist eher wie ein Sandwich. (Spielt dabei an seinem Bart herum.) Wißt ihr, wenn man hungrig ist, da findet sich immer was im Bart. (Gelächter…)

Wann hast du deine Haut unter dem Bart das letzte Mal gesehen?
Naja, so vor ungefähr 10 Jahren. Zwischenzeitlich hatte ich ihn leicht gekürzt. Ich weiß eigentlich auch gar nicht, ob da noch ein Gesicht drunter ist.
Ach, ich mag den Bart. Den hab ich ja nicht wegen der Presse. In unserer Familie tragen alle einen Bart. Ich fühle mich wohl mit dem. Aber wer weiß was in 10 Jahren ist. Vielleicht kommt er dann ab. Überhaupt brauch ich ja keinen Schal im Winter. Im Sommer ist‘s ein bißchen warm. Aber in meiner Heimat wird es im Winter richtig kalt. Da ist so ein Bart echt nützlich.

Zurück zur Musik. Du hast in Frankfurt gesagt, du magst Bon Iver. Er macht ja auf Platte ähnliche Musik wie du, live spielt er die Songs aber ganz anders.
Ja, das stimmt. Es ist mehr „heavier“. Mehr so wie Rock. Und das hört sich gut an. Es ist emotional. Sehr emotional. (Dem können wir nur zustimmen.) Ich weiß nicht was es ist. Er macht so kraftvolle Musik. Und es ist so lustig. Er steht da auf der Bühne mit seinem „tank-top“ und kurzen Hosen. Was zählt ist die Musik. Und die ist so schön. Es bringt mich jedesmal um wenn ich ihn sehe. Er ist einer meiner Lieblinge.

Ist er ein Idol für dich?
Ich würde eher „Held“ sagen. Er steht ganz oben. Sein Album „For Emma“ ist eines der besten Alben ever. Es ist brilliant. Er ist echt ganz oben. Wir würden sagen: „He is at top oft he game.“

(Nun wars auch schon vorbei. Die uns zugestandene Zeit war um. Da wir ja wie gehabt ein Bild von ihm brauchten drückten wir ihm die Kamera in die Hand, damit er selbst ein Bild von sich macht.)

Soll ich ein Bild von meinem „Arsch“ machen?
Falls du möchtest? Du kannst alles machen was du willst. Und wir sagen dann: “Das ist William Fitzsimmons.” No problem.

Hat er dann doch nicht. Wie man oben sieht. Als wir dann meinten, er sähe aus wie einer der Zwerge bei „Herr Der Ringe“ hat er sich kaputt gelacht. Auch bei Interviews ein überaus witziger aber auch nachdenklicher Künstler.

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