Interview: The Divine Comedy

Es ist ein windiger Oktober-Abend als wir Neil Hannon, Denker und Schreiber bei The Divine Comedy, im Frankfurter Mousonturm zum Interview treffen. Zunächst erscheint Herr Hannon etwas zurückhaltend und schüchtern, blüht aber im Interview immer mehr auf. Ob das nun an unseren Fragen oder an der Extraportion M&M’s gelegen hat, die er während des Interviews mampfte, wollen wir Eurer Entscheidung überlassen…

Neil, wie und wann hast Du Deine Leidenschaft für die Musik entdeckt?
Als ich unser Familienklavier mit einem Hammer bearbeitete… Ich selbst kann mich daran nicht mehr so gut erinnern, aber meine Familie redet noch heute häufig über diesen Vorfall.  Es fehlen immer noch einige Ecken an den Tasten des Klaviers, wo ich damals mit dem Hammer drauf geschlagen habe als ich ungefähr 4 Jahre alt war. Mit 7 Jahren habe ich dann tatsächlich angefangen, Klavierunterricht zu nehmen. Viel gebracht hat es jedoch nicht.
Wir besaßen auch eine Platte des Soundtracks vom Disney-Film „Das Dschungelbuch“. Ich war total in den Song „Bare Necessities“ (Anm. d. Red.: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“) vernarrt. Vermutlich habe ich mit vielen meiner Songs versucht, an „Bare Necessities“ heran zu kommen.

Worin besteht der Unterschied Geld mit anspruchsvoller Musik zu verdienen im Vergleich zu Chart-Pop wie man ihn von Lady Gaga oder Katy Perry etc. gewohnt ist?
Ich habe es damals in den Neunzigern mehrfach in die britischen Charts geschafft. Das war aber auch mit einem bisschen Glück verbunden. Ich machte einfach rein zufällig zur richtigen Zeit die richtige Musik. Ich wollte jedoch schon immer einmal bei Top Of The Pops auftreten und somit war es schön, dass ich dies erreichen konnte, noch bevor die Sendung aus dem Programm der BBC gestrichen wurde. Nachdem wir mit dem Song „Something For The Weekend“ erstmalig in der Show auftreten durften, waren wir bestimmt noch weitere fünf oder sechs Mal dabei. Es war absolut verrückt! Ich habe damals viele Platten verkauft und hatte dabei auch noch eine Menge Spaß. Ich hätte es mir niemals zu träumen gewagt, dass ich einmal dort enden würde. Denn wenn ich verzweifelt versucht hätte, ein Popstar zu werden, wäre dies bestimmt nach hinten los gegangen. Popstars stehen meist nur eine kurze Zeit im Rampenlicht und schnell ist der Hype um sie wieder verstummt. Später habe ich einfach versucht, meine Musik weiter zu entwickeln. Heute kann man sehen, wo es mich schließlich hingebracht hat. Es ist unglaublich, aber ich bin noch immer hier.

Es scheint, dass es Dir gefällt, Dich in andere Charaktere hinein zu versetzen und anschließend darüber Songs zu schreiben. Warum machst Du das so gerne?
Warum eigentlich nicht? Jeder Songwriter sucht einen Grund dafür, neue Stücke zu schreiben. Die größte Schwierigkeit hierbei ist es, ein Thema hierfür zu finden. Manche Leute haben vielleicht verrückte Beziehungen, worüber sie in ihren Songs berichten können. Die hab ich allerdings nicht! Andere wiederum schreiben über ihre Drogenerfahrungen und Alkoholexzesse, die sie über viele Jahre hinweg durchlebt haben. Ich hatte damit aber nie etwas am Hut gehabt. Ein Grund dafür, dass meine Musik schon so lange Zeit besteht, ist, dass ich mir keine Grenzen setze. Ich schreibe über alles, was mich interessiert von jeglichen Standpunkten aus. Ich versuche andere Menschen zu verstehen. Die beste Art für mich, dies zu tun, ist, mich in diese Person hinein zu versetzen. Für gewöhnlich ist es für mich wie ein Cartoon. Wenn ich Theaterstücke schreiben würde, täte ich mich bestimmt leichter. Ich kann aber nun mal nur Songs schreiben und verwirkliche mich damit.

Was hat Dich dazu bewogen, „At The Indie Disco“ zu schreiben?
Der Song ist ein Tribut an meine Jugend in den Achtzigern, als ich noch ein Indiekid war. Ich wuchs mit Bands wie The Smiths, The Cure, R.E.M., My Bloody Valentine und den Pixies auf. Damals hatten diese Bands den Höhepunkt ihrer Karrieren erreicht. Es war also offensichtlich, dass auch ich auf diese intelligente Musik stand. Das Problem jedoch war, dass es in meinem Heimatort in Nordirland keine Indie Disco gab. Es ist dort sehr provinziell. Zudem war ich sehr schüchtern gewesen und wäre niemals mit dem Bus nach Belfast gefahren, um dort Feiern zu gehen. Mittlerweile wünsche ich mir, dass ich es getan hätte. Ich nehme aber an, dass ich auf ein paar Indieparties gewesen bin, zumal oft welche im Anschluss an Konzerte stattgefunden haben. Dort besoff ich mich auch mal richtig und tanzte anschließend zur Musik von The La’s oder so. Der Song ist jedoch nicht autobiografisch, sondern eine rein fiktive Geschichte. Es freut mich jedoch zu hören, dass sich immer wieder Leute mit diesem Song identifizieren können.
Vor ein paar Jahren habe ich eine Bassgitarre bekommen und habe begonnen, darauf herum zu klimpern. Dieser Song war das Erste, was daraus resultierte. Es ist schon erstaunlich, wie Songs manchmal zustande kommen. Ich denke, dass Songs eine wunderbare Ausdrucksform sind, um Charaktere und Geschichten zu erfinden.

Wie kam es dazu, dass Du die Musik für das Kinder-Musical „Swallows & Amazons“ geschrieben hast, das am 1. Dezember 2010 Premiere in Bristol feiert?
Ein Mann namens Tom Morris, der für das National Theatre in London arbeitet, besuchte einige meiner Konzerte und sagte mir mehrfach, dass ich doch einmal ein Musical schreiben sollte. Ich nahm es allerdings nie sonderlich ernst. Vor etwa einem Jahr saßen wir im Rahmen eines Meetings zusammen und machten Nägel mit Köpfen. Ein Jahr zuvor hatte ich mir das Buch „Swallows & Amazons“ gekauft, um es meiner Tochter vorzulesen. In dem Buch geht es um ein paar Kinder, die einen Campingausflug machen und dabei verrückte Dinge erleben. Wie sich herausstellte, war meine Tochter für das Buch noch zu jung und somit las ich es einfach selbst. Als ich ungefähr bei der Hälfte ankam, entschloss ich mich, die Songs für das Musical zu schreiben.

Freust Du Dich schon auf die Premiere und wirst Du mit am Start sein?
Ich habe ehrlich gesagt etwas Panik davor. Wenn man etwas tut, das einem nicht in die Wiege gelegt wurde, kann man nur hoffen, dass es ein Erfolg wird. Zur Premiere werde ich es zwar nicht schaffen, da ich noch auf Tour bin, aber ich werde mir das Musical definitiv in seiner ersten Aufführungswoche ansehen. Ich wäre sicherlich auch zu nervös, um bei der Premiere anwesend sein zu können.

Wie viele Songs hast Du für das Musical geschrieben?
Im ganzen Musical kommen etwa 10 bis 12 Songs vor – ich habe sie nie wirklich gezählt. Ich habe jedoch von jedem Song mindestens 2 bis 3 Versionen geschrieben, um am Ende die richtige Stimmung einzufangen. Ich bin mir sicher, dass einige der Stücke, die es nicht in das Musical geschafft haben, an andere Stelle auftauchen und veröffentlicht werden. Im recyceln war ich schon immer gut.

Könntest Du Dir vorstellen, eine komplette Kinderplatte zu schreiben und aufzunehmen?
In gewisser Art und Weise ist dies ja schon mit „Swallows & Amazons“ geschehen. Ich denke auch, dass „Can You Stand Upon One Leg?“ irgendwie ein Kinderlied ist. Ich weiß derzeit noch nicht, wohin das führt, aber ich mag es, Stücke für Kinder zu komponieren. Es trifft meine Art von Humor ins Schwarze.

Bevorzugst Du es – so wie aktuell – alleine auf der Bühne/ auf Tour zu sein oder bist Du lieber mit anderen Musikern unterwegs?
Ich war schon immer ein Kontroll-Freak und wusste stets, was das Beste für jeden in der Band ist. Langsam bekomme ich diesbezüglich die Erleuchtung. Meine alten Bandkollegen würden jetzt sicherlich sagen: „Ha! Jetzt hast Du das bekommen, was Du verdienst und alle Last liegt auf Deinen Schultern“, wenn ich so alleine auf Tour bin. Wenn ich jetzt einen Fehler mache, dann ist das schlicht meine eigene Schuld. Das ist die Wahrheit, aber das ist nun mal Teil der Show. Dem Publikum scheint es zu gefallen, wenn ich aus dem Takt komme und Fehler mache. Wenn man so wie ich 120 Songs geschrieben hat, dann passiert so etwas schnell und man vergisst einiges. Es ist anstrengender alleine auf Tour zu sein als mit einer Band, aber ich mag es sehr. In einer Band steht man nicht immer selbst im Vordergrund und kann auch mal die anderen die erste Geige spielen lassen und sich zurücknehmen. Auf meiner derzeitigen Tour kann ich mich nie zurücklehnen, denn der Fokus liegt auf mir und meiner Musik.

Hast Du schon alles erreicht, was Du als Musiker erreichen wolltest?
Als ich jung war, habe ich mir einige Dinge vorgenommen. Mittlerweile habe ich das meiste auch erreicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich den Antrieb verloren habe, weiterhin Musik zu machen. Ich suche mir neue Ziele, die ich erreichen möchte. Ich bin jetzt erst einmal gespannt, ob die Leute mein Musical mögen und ich dann ggf. ein weiteres schreiben werde. Es hat mir nämlich viel Spaß gemacht, das Musical zu komponieren. Ich würde auch gerne einmal rein instrumentale Musik schreiben, die vielleicht für einen Film Verwendung findet. Es gibt viele Dinge, die ich noch erreichen möchte, aber ich bin der Meinung, dass ich im Songwriting am besten abschneide, weil ich weiß, wie es funktioniert.

(Das Interview führten Mirjam Kolb & Manuel Schreiner)

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