Interview: The Airborne Toxic Event
Wir haben die aktuelle Veröffentlichung des zweiten Albums von den Kaliforniern The Airborne Toxic Event zum Anlass genommen, die Band ein bisschen auszuhorchen. Im Interview stellten sich Sänger Mikel Jollet, der als Kind von wachechten Hippies schon an den unterschiedlichsten Orten der US-Westküste aufwuchs und Gitarrist Steven Chen, der ursprünglich aus Taipeh (Taiwan) stammt, unseren Fragen.
Wie seid Ihr auf die verrückte Idee gekommen, mehrere Konzerte am Stück in verschiedenen Locations innerhalb einer Stadt zu spielen, wie Ihr es unlängst in Los Angeles, New York und London getan habt?
Mikel: Zunächst einmal lieben wir es, in diesen Städten aufzutreten. Als wir das erste Mal in London gespielt haben, war das im Dublin Castle vor ca. 140 Leuten. Bei der nächsten Tour spielten wir im Barfly vor 400 Zuschauern. Danach im King’s College vor 700 und schließlich im Koko vor 1.500 Leuten. Zuletzt haben wir im Shepherd’s Bush Empire vor ca. 2.200 Fans einen Gig gegeben. Diese Erfahrung war für uns wichtig: Uns von kleinen Locations zu großen vorzuarbeiten. Das Gleiche ist uns auch in NYC und L.A. wiederfahren. Wir haben überall in minikleinen Clubs angefangen und wurden dann immer bekannter und die Auftrittsorte in diesen Städter immer größer. Wir fanden es letzten Endes eine coole Idee, all dies in nur einer Woche zu wiederholen. Wir mögen es auch sehr, den Fans in den kleinen Clubs nahe zu sein – aber wir mögen auch die großen Hallen, weil einen die Masse von Leuten echt mitreißen kann.
Was können wir von Eurem neuen Album „All At Once“ erwarten?
Steven: Die Songs sind den auf unserem Vorgängeralbum zwar recht ähnlich, aber wir haben viele neue Sounds ausprobiert und eingearbeitet. Einige Songs sind ruhiger als zuvor ausgefallen und die schnellen Lieder gehen deutlich mehr nach vorne. Wir haben es zudem erstmals mit 2 Songs gewagt, uns politisch zu äußern. Zudem waren wir 2 volle Jahre nicht zu Hause gewesen, was sehr auf die neuen Stücke abfärbte. Speziell im Song „Numb“ haben wir unsere Tourerfahrungen verarbeitet und Dinge wie z.B. das Bassdröhnen auf dem Reading und Leeds Festival einfließen lassen.
Mikel: Bei der letzten Platte waren wir zudem nicht sicher, ob sie sich überhaupt jemand anhören würde, denn wir waren damals nur eine kleine, unbekannte Band. Beim aktuellen Album konnten wir jedoch sicher sein, dass es von einer Menge Leute gehört werden würde. Vor allem die Rock-Community in den USA und Großbritannien wartete schon gespannt auf unser zweites Werk. Wir hatten 1 Jahr Zeit, an der Platte zu arbeiten und unsere Plattenfirma hat uns alle Freiheiten gelassen. Unser erstes Album klingt im Vergleich dazu eher rau, ungeschliffen, wütend und verzweifelt. Auf „All At Once“ werden in den ersten Songs Zweifel ausgedrückt und Fragen gestellt, welche am Ende der Platte in „The Graveyard Near The House“ beantwortet werden. Die Antworten fallen überraschenderweise recht herzig aus, obwohl dieser Song von Krieg, dem Tode von geliebten Menschen und dem Niedergang des Lebens handelt.
Speziell der Song „Numb“ verdeutlicht den musikalischen Fortschritt, den Ihr gemacht habt. Dürfen wir sagen, dass uns der Song ein wenig an New Order zur Mitte der 90er erinnert?
Steven: Oh ja, das dürft Ihr! Wir lieben New Order und mit diesem Track wollten wir ein wenig Elektromusik mit dreckigen Indie-Garage-Gitarren vermengen. Wir wollten zudem ein Gemisch von Sounds und Verzerrungen erzeugen. Es hört sich vielleicht etwas besoffen und desorientiert an, als befände man sich inmitten eines Festivals.
Welche der neuen Songs, die ihr schon im Vorfeld der VÖ der neuen Platte live vorgestellt habt, kamen beim europäischen Publikum am besten an?
Steven: Unsere Fans zeigten sich bislang sehr offen gegenüber all unseren neuen Songs. Somit ist diese Frage schwer zu beantworten. Bei den ruhigen Stücken war das Publikum bislang selbst auch zurückhaltend und verfolgte aufmerksam die Texte. Bei einigen Stücken klatschte das Publikum im Takt mit und uns kam es so vor, als würden unsere Fans die Songs bereits kennen, obwohl sie sie zuvor noch nie gehört hatten.
Mikel: „Once“ und „Numb“ kamen dabei besonders gut an, aber das mag natürlich auch daran liegen, dass wir diese beiden Songs schon im Vorfeld als Hörproben im Internet bereitgestellt hatten. Es ist schon verrückt: Wir haben insgesamt 50 neue Tracks geschrieben, wovon wir von 38 jeweils ein Demo aufnahmen. In die Vorproduktion schafften es 25 und am Ende standen noch elf Songs, die eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Viele der neuen Stücke hatten wir schon live gespielt, bevor sie überhaupt aufgenommen wurden und wir konnten am Vibe des Publikums spüren, welche davon gut sind.
Wann habt Ihr denn eigentlich erstmals Eure Leidenschaft für die Musik entdeckt?
Mikel: Ich wollte eigentlich nie Musiker, sondern lieber Schriftsteller werden. Das wusste ich schon im zarten Alter von 5. Ich habe Kurzgeschichten geschrieben, die meine Mutter an den Kühlschrank hängte. In der High-School war Englisch mein Lieblingsfach. Ich schrieb Aufsätze und Geschichten für mein Leben gerne. Im College habe ich meinen ersten Roman geschrieben. Dann schrieb ich ein paar Kurzgeschichten, die schließlich auch veröffentlicht wurden. Ich mochte es, mich in der Gesellschaft gleichgesinnter Schreiberlinge zu bewegen.
Steven: Wir alle in der Band ticken recht unterschiedlich. Unser Bassist Noah ist ein sehr gut ausgebildeter Musiker. Er ist mit den unterschiedlichsten Musikstilen von Jazz bin hin zu Punk aufgewachsen. Ich wurde schon in jungen Jahren gezwungen, Klavierunterricht zu nehmen. Ich habe es damals gehasst und konnte nie die Verbindung zwischen dem Klavier und mir selbst, der Nirvana und Pavement liebt, herstellen. Im Laufe der Zeit konnte ich jedoch durch den Klavierunterricht Noten lesen und dadurch auch eine Verbindung zu der Musik, die ich machen wollte, herstellen. Das hat mir sehr weitergeholfen.
Mikel, unterscheidet sich eigentlich Deine Vorgehensweise, eine Kurzgeschichte zu schrieben vom Schreiben eines Songtext?
Mikel: Ja, auf jeden Fall. Es gibt jedoch einige Gemeinsamkeiten. Meine Songs sind eher wie ein Schlag ins Gesicht und stellen einen bestimmten Zeitpunkt dar. Sie beschreiben eine bestimmte Emotion und dafür haben wir nun einmal nur 3,5 Minuten Zeit. Bei einer Kurzgeschichte dauert der Plot länger. Bei einem Song treiben mich zudem die Melodie und der Rhythmus an. Du musst immer im Hinterkopf haben, dass auch die Stimme und der Anstieg und Fall von Musik bestimmte Emotionen beim Hörer hervorrufen. Es sind nicht nur Melodie und Text alleine, sondern das Gesamtgefüge, was letzten Endes die Geschichte des Songs ausmacht. In einer Kurzgeschichte muss ich alles viel detaillierter beschreiben, da ich kein musikalisches Medium habe, mit dem ich spielen kann.
Nehmen wir mal Euren Song „Some Time Around Midnight“, der eine sehr interessante Geschichte erzählt. Konntest Du hierin alles sagen, was Du wolltest, oder musstest Du den Inhalt auf Liedlänge kürzen?
Mikel: Mit diesem Song wollte ich alles sagen, was ich in dieser Situation fühlte und was passiert war. Aber ich fragte mich auch, was diese Geschichte lebendig machen könnte. Ich habe lange Zeit damit verbracht, das Gebilde des Songs umzustellen. Es gibt darin ein paar gespensterhafte Anspielungen wie z.B. das Glas wie ein Kreuz zu halten (Anm. d. Red.: die Zeile aus dem Songtext - „She's holding her tonic like a crux”). Die Wortwahl war insgesamt sehr spezifisch. Denn, wenn ich das falsche Wort gewählt hätte, hätte es sich emotional nicht korrekt für mich angefühlt. Mit diesem Song wollte ich den Hörer direkt in meinen Kopf hinein beamen und mit meinen Gedanken konfrontieren, wie ich meine Ex-Freundin dort in dieser Bar stehen sah und sie mit einem anderen Typen flirtete. Es war für mich furchtbar aufwühlend und ich wollte am liebsten gegen die Wand schlagen.
Ich denke generell sowieso, egal bei welchem Kunstwerk - ob Song, Skulptur, Gemälde etc. – es geht dabei immer um Einsamkeit. Man hat eine bestimmte Idee im Kopf, die einen so beschäftigt, dass man sie schlicht darstellen muss. Und wenn man das geschafft hat, dann ist das ein wahrer Trost für einen selbst. Dass meine Songs andere hören können, macht den Inhalt für mich nicht ganz so furchteinflößend und unbändig. Manchmal ist es natürlich auch eine freudige Sache, die ich einfach sagen möchte und dann kommt sie eben aus mir heraus in Form eines Songs. Oft erkennt man als Leser, Betrachter oder Zuhörer sich selbst in einem Lied, Kunstwerk oder Buch wieder und bemerkt die Absicht des Künstlers. Häufig wundert man sich dann darüber, dass man ebenso gefühlt hat und dachte, dass dies kein anderer tut oder weiß. Der Moment des Schocks, in dem man dies bemerkt, ist das, wofür wir Künstler arbeiten. Bei einem Konzert ist die Idee dahinter einfach: die Leute sollen feiern und wir füllen mit unserer Musik den Raum und bescheren jedem die Möglichkeit, ein bestimmtes Gefühl gemeinsam zu erleben.
Zurück zum Touralltag: Was war denn der aufregendste oder interessanteste Ort, an dem Ihr je aufgetreten seid?
Steven: Ich persönlich mag Berlin sehr. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber die Stadt strahlt eine gewisse Rohheit für mich aus. Es gibt dort viele geschichtsträchtige Orte und die Leute, mit denen wir bislang gesprochen haben, haben alle eine Vision, eröffnen Kunstgalerien oder sind ähnlich aktiv. Es gibt dort spürbar eine unvoreingenommene Kreativität. Das finde ich gut. Aber da mag jeder von uns eine andere Ansicht haben.





















































